Rozalie Hirs

Tag archief: hochroth Verlag

2018/02/02

In Sprachen denken [recensie door Bernd Leukert, Faust Kultur, Duitsland]

Juist attendeerde Daniela Seel me op deze prachtig doorwrochte recensie van gestammelte werke (Berlin: kookbooks, 2017) en ein tag (Berlin: hochroth verlag, 2014) door Bernd Leukert op Faust Kultur in de serie Europa. Ja, wat ben ik hier blij mee.

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände. Die Lyrikerin Rozalie Hirs ist in ihrer niederländischen Heimat mit fünf Gedichtbänden bekannt. Zwei Verlage in Deutschland haben ihre anspruchsvollen Gedichte in zwei und mehrsprachigen Ausgaben veröffentlicht. Bernd Leukert hat diese polyglotte Bibliothek staunend durchlesen.

In Sprachen denken
Europoesie: Zwei Gedichtbände von Rozalie Hirs

Die fünfzehn Gedichte von Rozalie Hirs, die unter dem Titel Ein Tag / Een Dag 2014 im hochroth Verlag erschienen sind, breiten schon die vielfältigen Möglichkeiten aus, aus denen die Autorin poetische Texte sich entwickeln lässt. Da wird keiner über einen Leisten geschlagen, sondern Form und Struktur, korrespondierend zum Inhalt, immer neu gedacht. Darüberhinaus zeigt sich Hirs, die 1965 in Gouda geboren wurde und auch Komponistin zeitgenössischer ernster Musik ist, erfahren in der Umsetzung komplexer Entwürfe. Permutationen inhaltlicher Bezüge gehören dazu,

wie bei wiederholtem lesen
des bekannten in dem
unbekannten zimmer
wo das bett entschläft
und der boden sich fegt
läuft der platz über in

die bestimmung.

oder solche, in denen Gegenstände an ihren Ursprung oder an ihr Ende verrückt erscheinen,

wie ein bild sich in sprache haut, deine
stimme aufspringt, dein herz verschießt,

deine rose überläuft – der wein
in eichen ist, kelch in steinen,

der tisch honig summt und
die eule mit wald deinen mund entläßt –

gehört wald seinen knochen, feuer
seiner vollendung, was asche – was du?

Ihre Gedichte treten einem als Sprachkunstwerke vor Augen. Was sie mitteilen, erschließt sich zunehmend, und manchmal auch nicht gänzlich, beim wiederholten Lesen.

Drei der Gedichte finden sich auch im Band gestammelte Werke in von der hochroth-Fassung leicht abweichenden Übersetzungsversionen. Selbst mit dem „Tümmler“, den er schon für hochroth ins Deutsche gebracht hatte, bietet Ard Posthuma eine (elegantere) Variante an. Aber der kookbooks-Band umfasst ganz andere Dimensionen.

Zunächst die kosmopolitische Bestrebung im Kielwasser der Aufklärung: der Traum, die totale Bibliothek zu erstellen, die durch Kumulierung das Buch wäre, das unendlich verzweigte Netzwerk der Übersetzungen aller Werke in alle Sprachen, das sich zu einer Art Universalbibliothek kristallisieren würde, in der alle Unübersetzbarkeiten getilgt wären.

Was der Philosoph Paul Ricœur hier ins Reich der Träume verweist, hat kookbooks wagemutig auf den Weg gebracht, allerdings ohne etwas tilgen zu wollen, sondern, um die untilgbaren Differenzen wie Perlen auf Ketten zu reihen. Fast 50 Gedichte von Rozalie Hirs sind – oft unter Mitwirkung der Autorin – in mindestens zwei andere Sprachen übersetzt (neben dem niederländischen Original ist Deutsch obligatorisch), der in Langzeilen atemlos dahinströmende „lebenslauf“ findet in 13 Sprachen Aufnahme. 19 Übersetzerinnen und Übersetzer ermöglichten es, Hirs’ Verse auf Albanisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Kroatisch, Litauisch, Russisch, Schwedisch, Serbisch und Spanisch zu lesen (wobei einige Übersetzungen, wie im Buch erwähnt wird, schon in Zeitschriften veröffentlicht wurden). Rozalie Hirs hat damit viele der auf Poesiefestivals und -lesungen benötigten fremdsprachigen Versionen ihrer Gedichte in diesem Band versammelt.

Wer also schon Schwierigkeiten mit dem Deutschen hat, weil er vertraut damit ist, wird einige dieser poetischen Schriften, wie das Albanische oder das nichteuropäische Chinesisch, höflich zur Kenntnis nehmen und das Schriftbild mit interesselosem Wohlgefallen betrachten können. Die übersetzerische Leistung kann ihm nur ein Muttersprachler vermitteln. Dennoch: Dieses Sprachenparlament, das da um die Reden und Gesänge der Rozalie Hirs versammelt ist und sie mit allen unumgänglichen Differenzen reproduziert, ist schon ein grandioses Unterfangen und eine beeindruckende verlegerische Leistung. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass Hirs nicht einen homogenen Textkorpus anbietet, sondern eben Heterogenes: leichtfüßig Aphoristisches, poetische Protokolle in langzeiligen, freien Rhythmen, obsessive Naturlyrik, Reflexion des eigenen Schreibens beim Schreiben und formal experimentelle Gedichte, bei denen bis hin zur Verwendung von Markow-Ketten Texte abstrakten Superstrukturen unterworfen werden, was erstaunliche Auswirkungen auf die jeweilige Textgestalt der verschiedenen Übersetzungen zeitigt. –

der text nimmt einen kleinen raum für sich ein
sympathisierend eine erscheinung sich
selbst genug … wirft den autor auf nimmt zunächst
die gestalt dessen an was meine mutter findet
oder zu finden meint vom benennen die namen
kommen dann von meinem vater ganz langsam
tritt mein (eigentliches) fühlen-denken ein übernimmt
endlich den raum auch wenn freunde manchmal
hallo bist du da kann ich kurz an deinen arm beißen?
horchen nach jemandem der ich noch nicht bin
das um-mich-her öffnen wo das schauen
in sich gekehrt sich ausschreibt einen weg findet

Das Gedicht heißt „texterscheinung“. Hirs erzählt anschaulich vom unsichtbar-komplizierten Prozess der Entstehung des Gedichts „texterscheinung“. Wie so oft bei dieser Lyrikerin wird die Gedichterzählung von einer ausgefuchsten Konstruktionsidee gesteuert. So auch und doch völlig anders im Gedicht „landschaftlichkeit“. Das vergleichsweise sinnlichere Sujet ist mit grammatikalischen Verkürzungen und Doppelbedeutungen gerafft und durchschossen von heterogenen Gemütsäußerungen:

der himmel an bisschen königsblau allmählich gewöhnt weniger
an azur enttäuschung versunken von heißen tagen erinnert

ein leben sich dünen und sandflut die einfache lösung
antwort auf das wenn nötig gepflügte maisfeld unverschämte

erinnerung an weiden mit kanälen kuhfladen einer mühle
in der ferne mit dreckstiefeln das schon damals war windkraft

ganz normal und torf steckte in gräben voll giersch fürs erste
noch unbenannter blumen eine vom donner geborene nacht

Rozalie Hirs’ Dichtung ist auch dann, wenn sie scheinbar übermütig tänzelnd daherkommt, im besten Sinne des Wortes elaboriert und komponiert. Wer sie mehrmals liest, dem erschließt sich, was ungeschrieben blieb; und wer die Übersetzungen liest, dem wird der Reichtum bewusst, den die sprachlichen Abweichungen freisetzen.

In seinem bedenkenswerten Essayband Die Macht des Denkens bemerkt Giorgio Agamben:

Wenn es zutrifft, dass wir nur in der Sprache denken können, wenn jede philosophische Befragung, wie Wittgenstein sagte, als eine Befragung der Wortbedeutung dargestellt werden kann, dann ist die Übersetzung eine ausgezeichnete Weise, in der der Mensch sein eigenes Wort denkt.

Bernd Leukert, Faust Kultur, 25. Januar 2018

***
Rozalie Hirs
Ein Tag / Een Dag
Übertragung: Ard Posthuma und Rozalie Hirs
40 Seiten
ISBN 978-3-902871-50-3
hochroth Verlag, Berlin 2014

Rozalie Hirs
Gestammelte Werke
Gedichte
Übersetzung: Anton Papleka, Aurea Sison, Ard Posthuma, Daniela Seel, Rozalie Hirs, Ko Kooman, Donald Gardner, Willem Groenewegen, Moze Jacobs, Kim Andringa, Daniel Cunin, Henri Deluy, Radovan Lučić, Aušra Gudavičiūtė, Gytis Norvilas, Nina Tarhan Mouravi, Boerje Bohlin, Jelica Novaković, Diego Puls
238 Seiten, Reihe Lyrik Band 39
ISBN 978-3-937445-67-0
kookbooks, Berlin 2017



Logos, Margot Dijkgraaf, Louis Andriessen, Mark Menzies, Johan de Boose, Poëziecentrum, Ernestine Stoop, Godelieve Schrama, hochroth Verlag, Carl de Strycker, DWB, Richard Ayers, zingen, Venus, Zaterdagmatinee, Marc Reichow, Reinbert de Leeuw, Marco Blaauw, Lyrikline, The Cricket Recovers, Cathy Van Eck, Sacro Monte, Sounds of Music, Kunsttempel, Etienne Siebens, Bert van Herck, Nora Fischer, Tijd en Sintel, Filip Rathé, Edwin Fagel, Kars Persoon, Boris Tellegen, Geert Jan Mulder, mediations, Spectra Ensemble, Sonar Quartett, Keiko Shichijo, Klangforum Wien, Book of mirrors, Stichting Huygens Fokker, James Fei, parallel world [breathing], Formalist Quartet, Michaël Snitker, Poëziekrant, Atlantis, Alain Delmotte, Attacca Productions, The honeycomb conjecture, Jeroen Dera, Musikfabrik, Stamboom, Arbre généalogique, Jan Kuijper, parallel world and sea, Bridge of Babel, Theo van Doesburghuis, Festival van Vlaanderen, Family Tree, parallel sea [to the lighthouse], Piet Gerbrandy, Letterenfonds, Marieke Franssen, Infinity Stairs, article 4, Concertgebouworkest, Philip Thomas, Bas Wiegers, Holland Festival, Bert Palinckx, article 1 to 3, Meditations, Jorinde Keesmaat, Platonic ID, Dante Boon, Amsterdam Sinfonietta, Bauwien van der Meer, Paul Craenen, Klankinstallatie, Johannes Fischer, article 0, Klankenbos, article 8, Roseherte, Kim Andringa, article 6, Bozzini Quartet, Luisterhuis, Curvices, Daniela Seel, gestammelte werke, Cox & Grusenmeyer, Yvan Vander Sanden, article 7, gestamelde werken, Donald Gardner, Guido Tichelman, Arnold Marinissen, KOOKbooks, Zenit, Muziekgebouw aan't IJ, Casper Schipper, Geluksbrenger, Vlaams Fonds voor de Letteren, November Music, Joost Baars, Samuel Vriezen, Fie Schouten, Wiek Hijmans, strijkkwartet, Uitgeverij Vleugels, ASKO|Schönberg, verdere bijzonderheden, Fonds Podiumkunsten, Perdu, Machiel Spaan, Donemus Publishing, Uitgeverij Querido